Ich wiege 115 Kilo bei 174 Zentimetern. Früher hätte ich diese Zahl weder laut gesagt noch öffentlich aufgeschrieben. Ich hätte mich geschämt – und wahrscheinlich sofort erklärt, warum es so weit gekommen ist.
Heute schreibe ich sie hin, ohne sie schönzureden. Nicht weil mir meine Gesundheit egal wäre. Sondern weil ich verstanden habe: Mein Gewicht ist ein Zustand, kein Urteil über meinen Wert als Mann.
Vielleicht kennst du diesen Gedanken: Sobald ich abgenommen habe, passe ich wieder in meine Kleidung, fühle mich wohler und beginne endlich richtig zu leben. Genau so habe ich lange gedacht. Das Problem war nur: Während ich auf dieses spätere Leben wartete, behandelte ich mich im heutigen immer schlechter.
Die Zahl war nie das einzige Problem
Vor Corona wog ich ungefähr 94 Kilo. Während meiner schweren Erkrankung sank mein Gewicht auf 87 Kilo, weil ich im Spital kaum essen konnte. Nach meiner Genesung kam der Appetit zurück. Mit den Jahren kamen weitere Kilos dazu.
Stress, Unsicherheit und später die Arbeitslosigkeit spielten dabei eine Rolle. Die ehrlichere Antwort ist aber: Ich habe manchmal gegessen, um Gefühle zu beruhigen, mit denen ich nicht umgehen konnte. Danach machte ich mich genau dafür fertig.
Ein schwieriger Tag führte zu Essen. Das Essen führte zu schlechtem Gewissen. Das schlechte Gewissen führte zu Sätzen wie: „Du hast dich nicht im Griff.“ Und weil ich mich dadurch noch schlechter fühlte, begann der Kreislauf von vorn.
Ich verschob meine Zufriedenheit auf später
Meine alte Rechnung war einfach: Erst abnehmen, dann darf ich zufrieden sein. Selbstkritik hielt ich für Motivation. Ich glaubte, ich müsse nur hart genug mit mir sein, damit ich endlich disziplinierter werde.
Kurzfristig kann Druck tatsächlich etwas auslösen. Langfristig hat er mich müde gemacht. Wenn jeder Rückschritt beweist, dass du versagt hast, wird aus einem schlechten Tag schnell eine schlechte Woche.
Der deutlichste Beweis lag längst vor mir: Nach dem Spital zeigte die Waage 87 Kilo. Nach meiner alten Logik hätte ich damals glücklich sein müssen. War ich aber nicht. Die Zahl war kleiner, meine Sorgen waren es nicht.

Was meinen Blick auf meinen Körper verändert hat
Es gab keinen großen Durchbruch. Eher mehrere kleine Erkenntnisse, die sich langsam zusammensetzten. Drei davon helfen mir bis heute.
1. Gewicht und Selbstwert gehören nicht auf dieselbe Waage
Ein Buch, das genau zu diesem Thema passt und das ich selbst gelesen habe, ist „Selbstmitgefühl: Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen“ von Kristin Neff (gibt es hier als Buch auf Amazon).
115 Kilo sagen etwas über mein Gewicht aus. Sie sagen nicht, ob ich ein guter Vater, Partner oder Freund bin. Sie erzählen nicht, was ich erlebt habe, wie ich mit Menschen umgehe oder wie oft ich nach einem Rückschlag wieder aufgestanden bin.
Diese Trennung klingt selbstverständlich. Für mich war sie es lange nicht. Der alte Satz „Ich bin nicht gut genug“ hatte sich einfach ein neues Thema gesucht. Wenn du dieses Muster kennst, findest du im Artikel Nicht gut genug, nicht liebenswert meine persönliche Geschichte dahinter.
2. Der heutige Schritt zählt mehr als die entfernte Zielzahl
Ich versuche nicht mehr, mein Wohlbefinden davon abhängig zu machen, was die Waage irgendwann anzeigen soll. Stattdessen frage ich mich: Was ist heute mein nächster sinnvoller Schritt?
- Gehe ich eine Runde spazieren?
- Esse ich eine Mahlzeit bewusst, statt nebenbei?
- Schlafe ich heute etwas früher?
- Höre ich nach einem Rückschritt auf, mich zu beschimpfen?
Das ist kein spektakuläres System. Genau deshalb funktioniert es für mich besser als ein Plan, bei dem ich schon nach wenigen Tagen das Gefühl habe, hinterherzuhinken. Wer diesen Gedanken kleiner Schritte vertiefen möchte, findet einen ähnlichen Ansatz im Buch Die 1%-Methode von James Clear. Der Buchtitel steht hier bewusst ohne Verkaufslink.
3. Ich kaufe Kleidung für meinen Körper von heute
Lange behandelte ich passende Kleidung wie eine Belohnung für später. Bis dahin musste irgendwie gehen, was im Schrank lag. Eine drückende Hose erinnerte mich dann den ganzen Tag daran, dass mein Körper angeblich falsch war.
Heute suche ich Kleidung, die zu mir passt – nicht zu einer möglichen zukünftigen Version von mir. Bei Hosen funktioniert für mich beispielsweise die BRAX Style Cadiz Five-Pocket mit einem bequemeren Bund. Ich nenne das Modell nur als persönliche Erfahrung; es ist derzeit kein Affiliate-Link.
Gut sitzende Kleidung löst kein gesundheitliches Problem. Sie verhindert aber, dass ich mich jeden Morgen dafür bestrafe, noch nicht am Ziel zu sein.

Zufriedenheit bedeutet nicht, dass ich aufgebe
Ich möchte weiterhin Gewicht verlieren und gesünder leben. Ich will mit meinen Kindern aktiv sein und mich in meinem Körper leichter bewegen können. Der Unterschied liegt in der Motivation.
Früher wollte ich mich verändern, weil ich mich nicht mochte. Heute möchte ich besser für mich sorgen, weil mein Körper Fürsorge verdient. Das Ziel kann ähnlich aussehen, aber der Weg fühlt sich völlig anders an.
Es gibt weiterhin Tage, an denen mich die Zahl stört. Auch die alte Stimme meldet sich noch. Der Fortschritt besteht nicht darin, dass sie für immer verschwindet. Ich erkenne sie heute früher und glaube ihr nicht mehr automatisch alles.
Ein einfacher Test für harte Tage
Wenn du vor dem Spiegel stehst und dich innerlich niedermachst, halte kurz inne. Stell dir drei Fragen:
- Was sage ich gerade zu mir?
- Würde ich so mit einem guten Freund sprechen?
- Was wäre heute ein hilfreicher Satz statt eines verletzenden?
Aus „Du hast dich wieder nicht im Griff“ kann zum Beispiel werden: „Heute war schwierig. Morgen treffe ich eine bessere Entscheidung.“ Das klingt vielleicht weich. Tatsächlich übernimmt dieser Satz mehr Verantwortung, weil er dich nicht entwertet und trotzdem eine nächste Handlung zulässt.
Weitere konkrete Übungen findest du in Selbstakzeptanz im Alltag.
Wenn du als Partnerin mitliest
Vielleicht siehst du, wie hart dein Mann wegen seines Gewichts mit sich umgeht. Gut gemeinte Sätze wie „So schlimm siehst du doch gar nicht aus“ helfen dann oft weniger als gedacht. Sie bleiben beim Aussehen – und genau dort hängt er möglicherweise schon fest.
Hilfreicher kann es sein, seine Anstrengung wahrzunehmen: „Ich habe gesehen, dass du trotz des langen Tages noch spazieren warst.“ Frag ihn, was ihm guttun würde, statt sofort einen Ernährungsplan vorzuschlagen.
Und gib ihm Zeit. Viele Männer sprechen erst, wenn sie ihre Gedanken selbst ein wenig sortiert haben. Unterstützung heißt nicht, das Problem für ihn zu lösen. Manchmal heißt sie, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem er ehrlich sein kann.
Wann Unterstützung von außen sinnvoll ist
Essen aus Frust oder Stress kommt vor. Wenn Essen, Gewicht oder Selbsthass deinen Alltag jedoch stark bestimmen, du regelmäßig die Kontrolle verlierst oder dich körperlich und psychisch zunehmend belastet fühlst, solltest du dir professionelle Unterstützung holen. Ein Hausarzt, eine Ernährungsfachperson oder eine psychotherapeutische Fachperson kann gemeinsam mit dir klären, was du brauchst.
Selbstakzeptanz ersetzt keine medizinische Behandlung. Sie kann aber dafür sorgen, dass du Hilfe nicht als Niederlage betrachtest, sondern als vernünftigen Schritt.

Fazit: Ich muss nicht auf die Waage warten
Ich bin mit 115 Kilo zufriedener als zu manchen Zeiten, in denen ich weniger gewogen habe. Nicht weil die Zahl unwichtig wäre. Sondern weil sie aufgehört hat, über meinen Wert zu entscheiden.
Ich kann an meiner Gesundheit arbeiten und mich trotzdem heute respektvoll behandeln. Ich kann ein Ziel haben, ohne mein Leben bis dahin auf Pause zu stellen.
Wenn du gerade ebenfalls auf eine bestimmte Zahl wartest, beginne nicht mit Selbsthass. Beginne mit einem kleinen Schritt, den du heute wirklich gehen kannst.
Wenn du dabei lernen möchtest, freundlicher und gleichzeitig ehrlich mit dir umzugehen, lies als Nächstes: 6 einfache Schritte zu mehr Selbstakzeptanz im Alltag.
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